Zum Jahresende 2025
Über Reformfähigkeit, praktischen Idealismus und die Flucht ins Tun
Zwischen den Jahren und zum Jahresende 2025 bietet sich die Gelegenheit, einen Moment innezuhalten. Nicht, um Tagesordnungen oder einzelne politische Entscheidungen noch einmal aufzuzählen. Das bringt in der aktuellen politischen Lage und angesichts mangelnden Vertrauens ohnehin selten etwas. Sondern um einen Schritt zurückzutreten, einen Blick auf das Ganze zu werfen und zu fragen: Was nehmen wir aus diesem Jahr mit? Und was folgt daraus für das kommende?
Rückblickend ist für die Bundespolitik eines deutlich geworden: Es ist uns noch nicht gelungen, eine wirklich durchgreifende Reformagenda umzusetzen. Vieles drehte sich zu Beginn um finanzielle Fragen. Das war in der Lage des Landes nachvollziehbar, dem vorzeitigen Auseinanderbrechen der Ampel geschuldet und daher notwendig. Aber Geld allein ersetzt keine Reformen, Geld ist kein Fitnessprogramm. Politik beginnt nicht bei Haushaltslinien, sondern bei der Bereitschaft zur Veränderung.
Ich habe den Eindruck, dass die Bereitschaft für Reformen in unserem Land in der Breite da ist. So eine Gefühlslage ist nicht unbedingt üblich in Deutschland. Viele Menschen wissen, dass Veränderungen nötig sind, um ein starkes Land zu bleiben; auch wenn sie mit Anstrengungen verbunden sind. Wir können den Menschen mehr zutrauen. Und gerade darin liegt auch eine große Chance: Reformen sind nicht nur sachlich geboten, sie sind – vielleicht mehr denn je – auch ein Beweis politischer, demokratischer Handlungsfähigkeit.
Eine zweite Lehre betrifft uns selbst. Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen – auf Koalitionspartner, auf politische Gegner oder auf „die Umstände“. Schwerer, aber entscheidender ist der Blick nach innen: Wo müssen wir besser werden? Wo müssen wir klarer, konsequenter und besser vorbereitet auftreten? Veränderung beginnt immer zuerst bei uns selbst. Das verstehe ich als bürgerliche Tugend.
Dabei hilft mir ein Leitgedanke, den ich als eine Art „praktischen Idealismus“ beschreiben würde: klare Überzeugungen zu haben, aber immer mit dem Blick darauf, was konkret möglich ist. Das verlangt manchmal harte Debatten – am besten intern, sachlich und zielorientiert. Und wenn es nötig ist, auch öffentlich, ohne Verbissenheit, sondern mit der Leitfrage: Was bringt uns in der Sache wirklich voran?
Wir stehen dabei alle in Verantwortung. Politik darf nicht allein in Kategorien persönlicher Siege oder Niederlagen bewertet werden, nicht im Schwarz und Weiß. Fortschritt entsteht oft in Grauzonen – dort, wo durch Kompromisse überhaupt erst demokratische Mehrheiten und damit Lösungen möglich werden und Handlungsfähigkeit erhalten bleibt.
Eine weitere Erfahrung dieses Jahres: Es ist sehr leicht, gegen etwas zu sein. Es ist deutlich schwerer, für etwas zu stehen, gerade in einer Volkspartei und erst recht in einer Regierungsverantwortung. Aber am Ende brauchen demokratische Systeme Stabilität und Entscheidungsfähigkeit. Das heißt: Hart ringen um Positionen, aber Mehrheitsentscheidungen dann auch mittragen.
Was uns insgesamt noch besser gelingen muss, ist eine gemeinsame Vorstellung davon, wo wir als Land hinwollen. Wir führen viele Abwehrkämpfe, oft aus guten Gründen. Aber die große Erzählung – wo Deutschland in zehn Jahren stehen soll – müssen wir gemeinsam und noch klarer entwickeln. Und sie braucht realistische Zwischenschritte, damit aus Vision Umsetzung wird. Dabei müssen wir ehrlich sein: Einen schnellen Turnaround wird es nicht geben. Die Aufgaben sind groß, die internationalen Verwerfungen tief, und vieles liegt nicht allein in unserer Hand. Gerade deshalb brauchen wir klare Vorstellungen davon, wohin wir wollen – Visionen, die Orientierung geben und Maßstab dafür sind, woran wir arbeiten und was wir überwinden wollen.
Denn bei aller berechtigten Kritik dürfen wir unsere Stärken nicht kleinreden. Deutschland hat sie nach wie vor: in Forschung und Innovation, im Mittelstand, in der Leistungsbereitschaft vieler Menschen, egal ob im Beruf oder im Ehrenamt. Aus diesen Stärken heraus müssen wir das zukünftige Modell unseres Landes neu denken – realistisch, ohne Illusionen, aber mit Zuversicht.
Für mich persönlich bleibt als Vorsatz für das neue Jahr vor allem eines: die „Flucht ins Tun“. Analyse ist wichtig, Kritik auch. Bei der aktuellen Lage der Wirtschaft und der Welt gibt es viel zu besprechen, keine Frage. Aber am Ende verändert sich etwas nur durch Handeln, ganz operativ. Wer aktiv wird, verändert nicht nur Dinge – sondern auch die eigene Haltung und oft die Stimmung insgesamt. Genug zu tun gibt es allemal. Viele von Ihnen und Euch, liebe Leser, tragen dazu mit der eigenen Aktivität – im Alltag, im Familienleben, beruflich, ehrenamtlich – jeden Tag bei.
Zum Jahresabschluss möchte ich daher vor allem Danke sagen: für Unterstützung, für ehrliches Feedback, für gemeinsames Ringen um den richtigen Weg.
Ich wünsche Ihnen und Euch, liebe Leserin, lieber Leser, und Euren Familien einen guten Start in das neue Jahr 2026!
Foto: Christoph Söldner